Konflikte
Chirurgen warnen: Deutsche Kliniken nicht auf Kriegsfall vorbereitet
- Aktualisiert: 26.03.2025
- 05:15 Uhr
- dpa
Chirurgen und Politiker schlagen Alarm: Deutschlands Gesundheitssystem ist nicht auf einen möglichen Kriegsfall vorbereitet. Experten fordern dringend Verbesserungen.
Das Wichtigste in Kürze
Experten warnen, dass es zu wenige spezialisierte Ärzte, Pflegekräfte und medizinisches Material für einen Verteidigungsfall gibt.
Die derzeitige Notfallversorgung ist auf Unfälle und Naturkatastrophen ausgelegt, nicht aber auf täglich 1.000 zusätzliche Verwundete im Kriegsfall.
Neben besserer Ausbildung und Vorratshaltung fordern Fachleute auch Schutzkonzepte für Krankenhäuser und eine zivile Personalreserve.
Deutschlands Gesundheitswesen ist aus Sicht von Fachleuten unzureichend für den Fall vorbereitet, dass das Land in kriegerische Auseinandersetzungen hineingezogen wird. Für den Bündnis- oder Verteidigungsfall gebe es derzeit zu wenige spezialisierte Ärztinnen und Ärzte sowie Pflegekräfte und zu wenig vorrätiges Material, sagte Dietmar Pennig als Vertreter zweier Fachverbände für Unfallchirurgie vor dem heute beginnenden Deutschen Chirurgenkongress in München.
Ähnlich hatte sich zuvor der Grünen-Bundestagsabgeordnete Janosch Dahmen geäußert. "Unser System ist auf planbare Eingriffe ausgelegt - nicht auf eine Massenanzahl an Verwundeten und schon gar nicht auf die Versorgung unter anhaltenden Drohnenangriffen oder gar Artilleriebeschuss", sagte er. Die Großmachtfantasien des russischen Präsidenten Wladimir Putin ließen keinen Zweifel, dass auch Deutschland von Krieg betroffen sein könnte.
Wir müssen deshalb in der Lage sein, im Ernstfall bis zu 1.000 Verletzte pro Tag in Deutschland zu versorgen.
Dietmar Pennig
Auch die bayerische Gesundheitsministerin Judith Gerlach (CSU) hatte kürzlich massiven Handlungsbedarf konstatiert. Das gesamte Gesundheitssystem müsse auf alle Arten von Krisen vorbereitet werden – "auch auf kriegerische Angriffe aller Art".
Pläne für Unfälle und Naturkatastrophen
"Es existieren zahlreiche Notfall- und Katastrophenpläne für Zivilschutzmaßnahmen bei schweren Unfällen oder Naturkatastrophen", erläuterte der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß. "Ein tatsächlicher Krieg wäre jedoch eine völlig andere Herausforderung." Im Gegensatz zu einem Zugunglück oder einem Terroranschlag würde ein solcher Konflikt eine dauerhafte Hochbelastung des gesamten Systems bedeuten.
Bislang werden im Schnitt rund 85 Schwerverletzte täglich in Deutschland versorgt. Pennig geht im Bündnis- oder Verteidigungsfall von täglich rund 1.000 weiteren Verletzten aus, darunter etwa 250 Schwerverletzte. Die vorhandenen Strukturen seien dafür aber nicht ausgelegt, sagte Pennig, der sowohl Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) als auch der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) ist.
Zum einen werde Material wie OP-Bestecke oder Verbände derzeit meist nur für wenige Tage vorgehalten. Bei einer Unterbrechung der Lieferketten seien die Kliniken dann "sehr schnell blank". Zum anderen seien Ärztinnen und Ärzte wie auch Pflegepersonal nicht ausreichend darin geschult, Verletzungen etwa durch Projektile oder Explosionen zu behandeln. Diese seien gänzlich anders als die Verletzungen etwa durch Auto- oder Arbeitsunfälle, erläuterte Pennig.
Schutzkonzepte für Krankenhausstandorte
Neben der fachlichen Seite habe die Corona-Pandemie gezeigt, dass auch Engpässe bei der Verfügbarkeit von Personal in den Blick genommen werden müssten, ergänzte Gaß. "Hier benötigen wir eine flexible Strategie zum Aufbau von einer Art von Personalpool als zivile Reserve, die wir im Krisenfall aktivieren können." Zudem müssten auch Schutzkonzepte vor militärischen Angriffen für die Krankenhausstandorte entwickelt werden.
Deutschlands Gesundheitssystem auf Großkrisenfälle besser vorzubereiten, sei schon das Ziel der alten Bundesregierung gewesen, sagte ein Sprecher des Gesundheitsministeriums. Das Gesundheitssicherstellungsgesetz habe aber nicht mehr abgeschlossen werden können. Wie die Mittel des Finanzpakets nun für den Zivil- und Bevölkerungsschutz verteilt würden, müsse daher der neue Bundestag entscheiden.